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Category: Short Story Game

In der Bankschlange/In Line at the Bank

In der Bankschlange/In Line at the Bank

Wenn irgendeine überlastete, kleine, magere, matte, vom kalten Rauch riechenden Laufmädchen in einem unebenen grellgelben polyestern Rock und einem zu großen, verblassten, rosa, kurzärmligen, breitgekgragten Hemd mit riesigen plastischen Knöpfen ahnungslos und erschüttert zwinkert und mit schaumigen Speicheln umgegeben offenen Mund lautlos weint während eine große Dame mit massiven kullernden Brüsten und Gesäßbacken in einem schmeichelhaften Nadelstreifrockanzug, ihre lange dünne geschmückten Fingern auf einer niedrigen Marmor bedeckten Theken gespreizt, über die Wehrlose ragte, durch zusammengekniffene Augen, Nüstern, und langem Choralmund an ihr herabschaute, und in falschsüßer Altistin — die sie gelegentlich mit schrillen, abgehackten rachenraumgeborenen Schaulachen unterbricht — erklärte, daß die junge Dame am falschen Ort sei, daß man hier leider keine Zeit für derart geringfügige Konten, daß wenn Online ihre Bedürfnissen nicht entsprechen werden würde, sie eine andere Bank finden könnte, oder — was in diesem Fall fast sicherlich am praktischsten sei — einfach ein Paar Stunden im Betteln verbringen:
vielleicht eilte dann ein junger Praktikant eines gut angesehenen mittelständischen Kaufhauses aus seiner geschätzten Stelle in der langen, mehrmals sich überschlagenden Schlange und, Ledersohlen auf glitzerndem Marmor rutschend, hart an er schwarznussen Bankschalter stösste, das HALT! in großartiger Sicherheit riefe.

Da es aber nicht so ist; eine schöne Dame, die jugendliche Gesundheit aus vollen rosigen Wangen strahlend, ihr zierlicher, kurvenreicher, athletischer Körper freudig in enganliegenden rosa Pulli und schwarzen Hosen umhüllt, mit zurückgeneigtem Kopf in kindlicher Freude lacht während eine große Dame mit massiven kullernden Brüsten und Gesäßbacken in einem schmeichelhaften Nadelstreifrockanzug, ihre langen Fingern an ihren liebenswürdigen — und, wenn der riesige glitzernde Verlobungsring glaubwürdiger Zeuge ist, doch sehr geliebten — Hüften, mimt, indem sie von Seite zu Seite schlängelt und mit künstlich übertrieben hervortretenden Lippen die Hälse pfaut, eine freche Schelterin, entschuldigt sich nochmals und nochmals der Kleine versichert, daß falls sie nicht beim Bankautomaten nicht zurecht komme, Joe — an dem sie jetzt winkert und der, ein gut gelaunter Bär in einem gut anpassenden Anzug, mit einem breiten offenen Hand und einem freundlichen spielerischen ironischen Grimsen (weit offene Auge vorn, Kinn leicht angezogen, flaches Lächeln verschmiert übers angenehme teigige Gesicht) alsbaldig ihrer in süßer Freundschaft gefesselten beruflichen Einsatz anerkennt — ihr helfen würde:
Da dies so ist, runzelt momentan der junge aufrechte Geschäftsmann die Lippe, senkt dann den Kopf, und hebt ihn wieder um erst die prachtvolle mit eisernen römischen Ziffern versehenen Uhr und dann die gewölbten Decke und sein handbemaltes Gebälk unaufmerksam zu studieren.

Copyright: Andrew Watson of Watson Schmatson Lane

Der neue Advokat: Analysis

Der neue Advokat: Analysis

Der Plot:

Ein Advokat diskutiert den Dr. Bucephalus, ein junger Advokat und neues Mitglied der Rechtsanwaltskammer, der in einem früheren Leben Streitroß Alexanders von Mazedonien war.

Charaktere:
Der Erzähler: Ein Advokat, der sich fachmännisch und ein bisschen eitel benimmt (wenigstens scheint er den Gerichtsdiener als minderwertig zu bewerten), der aber auch in seiner Handlung des Bucephalus als tolerant, rational, und im Besitz einen spürbaren künstlerischen und historischen Sinn wirkt. Seine Redensart ist zwar trocken, aber er beschreibt der Unersetztlichkeiten Alexanders von Mazedonien sehr schön.

Dr Bucephalus, ein Advokat, der wie ein Streitroß die Stufen der Freitreppe der Gerichtsgebäude besteigt, der aber normalerweise seinem früheren Leben als Streitroß Alexanders von Mazedonien nicht gleicht, und meistens seine alten Gesetzbüchern widmet.

Ein Gerichtsdiener, den—wahrscheinlich schon seiner Stellung wegen—der Erzähler als “ganz einfach” beschreibt. Er bestaunt wie Bucephalus die Freitreppe steigt—es ist aber nicht klar ob er wirklich Bucephalus mit “dem Fachblick des kleinen Stammgastes der Wettrennen” bewundert, oder nur mit einer Wertschätzung der Schönheit.

Die anderen Mitglieder der Anwaltschaft: Wir lernen nur, daß sie auch dem Dr Bucephalus verständnisvoll entgegenkommen.

Warum die Geschichte so komisch wirkt:

Der Erzähler und die andere Mitglieder der Anwaltskammer scheinen nichts komisches daran zu bemerken, daß der Dr Bucephalus die Reinkarnation des Streitroß Alexanders von Mazedonien sein sollte. Alle scheinen diese Umständen—die in unserer Weltanschauung als unmöglich gelten (auch wenn ein Mann die Reinkarnation eines Streitroßes sein könnte, wie könnte irgendjemand—geschweige denn jedermann—diese Tatsache zweifelsfrei Bescheid wissen?)—als ganz selbstverständlich hinzunehmen.

Der Erzähler und seine Kollegen konzentrieren nicht daran, ob Dr. Bucephalus vor etlichen tausenden Jahren der Streitroß Alexanders von Mazedonien hätte sein sein, sondern beschränken ihre Überlegungen daran, welche Wirkung sein ehemaliges Leben darauf haben sollte, wie ihn das Barreau handelt. Also erleben wir eine fremde Weltordnung und Realität.

Man wäre vielleicht daher verleitet, die Geschichte als psychologisch Sciencefiction zu beschreiben. Vielleicht ist es nur ein Versagen unserer Wissenschaft, daß wir nicht feststellen können, wer eine Reinkarnation von wem ist; aber das Gefühl der Geschichte ist eher magisch als zukunftwissentschaftlichisch (wie wir über sein ehemaliges Leben wissen ist nicht erklärt—ist einfach akzeptiert, als ob so eine Kenntnis ganz in Ordnung wäre); und eher einfach anders als magisch (die Geschichte spricht nicht vom Zauberei). Immerhin, die Geschichte ist mit der Sciencefiction verwandt: wie die Sciencefiction imaginären Realitäten konstruktiert, worin man wissenschaftliche, philosophisches, psychologische, und gesellschaftliche Ideen untersuchen kann, baut diese Geschichte eine andere Realität und erforscht, wie die Gesellschaft Kafkas Zeit dazu reagieren würde.

Ist diese Analysis richtig? Ein bisschen. Aber wenn man annimmt, daß alles in dieser Geschichte, von der allgemeinen Kenntnis von Reinkarnation, genau wie die Realität Kafkas Prague sein sollte, klingt die Narration als unrealistisch.

Was wir von dem Erzähler nicht wissen ist, ist wie viel er unser Sinn der Ironie teilt. Die begeisterte Vergleichung des Bucephalus bestaunenden Gerichtsdieners mit einem Pferdekenner; die Begeisterung der “Einsicht” der Rechtsanwaltskammer dem Bucephalus gegenüber; die Beschreibung der mörderisch-ehrgeizigen Einzelheiten Alexanders Handlung (wie zB, die Geschicklichkeit, mit der Lanze über den Bankettisch hinweg den Freund zu treffen) als immer noch gegenwärtig, die Fähigkeit Indien überhaupt zu finden aber als seiner Zeitgenossen völlig unmöglich; die Zustimmung Bucephalus Entscheidung den alten Büchern zu widmen: Die Leser empfindet jede dieser Formulierungen als ironisch; wie aber empfindet sie des Erzählers?

Also kann die Seltsamkeit des Erzählers nicht einfach seine Kenntnis der Reinkarnation zuzuschreiben. Das Thema scheint er sehr ernst und selbstverständlich zu nehmen, aber er schreibt voller Ironie, Witz und Kunstfertigkeit. Sicherlich verstand Kafka das Witz seiner Geschichte, aber ein Teil davon, was die Geschichte witzig und interessant macht, ist der Sinn, daß der Erzähler es alles ganz im Ernst meint.
Was tut hier Kafka? Macht er sich über die ahnungslose Arroganz des Kleinbürgertums lustig? Über seine Bereitschaft, alles unkritisch hinzunehmen? Ein bisschen. Aber mehr spielt er mit unserer Sicherheit von der Realität unserer Realität. Auch zeigt er wie die Seele des Menschens von der Schönheit strotzt. In dieser erkennbaren aber zugleich verfremdeten Version unser Weltanschauung und Verhaltensstandards, blicken wir wie unglaublich auch unsere alltäglichsten Erlebnissen sind, und auch wie wir die Schönheit des Mysteriums des Lebens—egal wie oberflächlich wir zu sein versuchen—tief hinein bemerken und spiegeln muss.

AMW/BW

Die Wale, Ein Sonderfall (Response Story to Kafka Translation #1)

Die Wale, Ein Sonderfall (Response Story to Kafka Translation #1)

Die Wale, ein Sonderfall

Vögel sind gefiederte Saurier. Sie vermissen ihre Verwandten, sind aber gleichzeitig ihrer Verschwindung erleichtert. So ist es wenn man wunderbare, schreckliche Verwandten verliert.

Menschen sind haarlose Affen. Wir vermissen nichts, weil enge Verwandten noch leben. Sie sind aber ganz enttäuschend: haarig, stinkend, und oft sogar gewalttätig und unmoralisch.

Für die Wale ist es aber ganz anders. Ihre engste Verwandten sind zwar nicht mehr hier auf der runden Erde, aber sie sind sowieso mit den Ausgereisten stets in engster Verbindung. Jeden Tag im Dunkel der Tiefsee sprechen träumende Wale mit dem weitentwickelnten Wasservolk, das vor zwanzigtausend Jahren die Erde verlassen haben.

Sie reisen durchs Weltall in Raumschiffe voller Seewasser, sehen wie Miniaturseekühen aus, sprechen eine singende walartige Sprache, haben seit Jahrtausend kein Geschlechtsverkehr gehabt, und bewegen Objekten mit der Energie ihrer außerordentlichen Gedanken.

Wenn du ein Walfisch wärest, träumtest du jede Nacht von kleinen pummeligen grauen Seemenschen, die die Erlebnissen deines Tages begierig belauschten. Und am Ende, gegen Morgen, füllten sie dir mit dem Wissen, daß den See einen wunderschönen Liebhaber sei, und daß du außerordentlich glücklich sei, dadurch schwimmen zu dürfen, und, weiter, daß du unbedingt die Gelegenheit ergreifen solle, immer wie weit und tief wie möglich zu erkunden. Dann wachtest du mit der vagen verwirrten Idee auf, daß du etwas besonderes weißt. Diese Idee würdest aber immer innerhalb wenige Sekunden zu trüb zu folgen werden. So teiltest du dein Leben dazwischen: auf der einen Seite, tierische Tage des Schwimmens, der Fütterung, des Kamps, und–wenn du Glück hättest–der schwimmenden Geselligkeit, manchmal sogar des nassen Geschlechtsverkehrs, und, auf der anderen Seite, Nächte der Aufklärung über die Macht des Geistes, die Erhabenheit und Vielfalt des Universums, und die Herrlichkeit des Sees.

Aber du bist doch kein Walfisch, sondern ein Menschen, und du und deine Affenverwandten seid einander gegenseitig verlegen. Es könnte aber schlechter sein: du könntest ein Vögel sein, und ständig in betrauender und schuldiger Einsamkeit zu Grunde gehen.

AMW/BW

This was written as a response to “Die Sorge des Hausvaters”. What do they have in common? Um, they both discuss mythical creatures and cultivate a silly weirdness.

Die Sorge des Hausvaters – Analysis

Die Sorge des Hausvaters – Analysis

Man muss die Sache Ernst nehmen: Sprachforscher haben den Name “Odradek” geforscht.

Man muss das Geheimnis bekennen: Sprachforschen können den Ursprung des Namens “Odradek” nicht entschlüsseln.

Man muss bestaunen: Ein kleiner zwirnbedeckte Stern, der wie auf zwei Beinen aufrecht stehen kann.
Man muss bemitleiden: Er ist eine chaotische Mischung aus abgerissenen, alten, aneinander geknoteten, aber auch ineinander verfilzten Zwirnstücken von verschiedenster Art und Farbe.

Man muss aber auch respektieren: Auch wenn am ersten Blick man versucht wäre, Odradek als gebrochen zu verstehen, sieht man dass er doch abgeschlossen ist–dass er eigentlich ein Etwas das man nicht imstande zu verstehen ist, und dass man weder fangen noch überleben noch immer zum Sprechen bringen kann.
Man muss schmelzen: Er ist so winzig und unbefangen einfach, dass man ihn als Kind zu behandeln versucht ist.

Man muss schon wieder staunen: Warum soll ein Odradek unsterblich uns Menschen kichernd beobachten?
Und wie wirkt das Ganze? Surreal. Einsam. Unglaublich. Verwirrend. Odradek existiert zwar nicht, aber das Leben liegt uns doch nahe, ungreifbar, und überlegen–wie Odradek.

BW/AMW

Kafka Translations 1: Die Sorge des Hausvaters / The Worries of a Family Man

Kafka Translations 1: Die Sorge des Hausvaters / The Worries of a Family Man

Skip to the English Translation

Note on this translation project:

The idea is to aid with German comprehension: First you read the German with the hard words explained; then you read an English translation; and finally you read the original German with perfect comprehension, as if you were Franz Kafka himself!

These short short stories were all part of the story collection “Ein Landartz” (“A Country Doctor”), published in 1919 (Franz Kafka, author; Kurt Wolff, publisher).

German original available (kostenlos, natuerlich) at Project Gutenberg (or at the very bottom of this page). If, deutschlos, you just want to read my English translation, skip to English Translation

I’ve also written an Analysis and Response Story

Die Sorge des Hausvater’s / The Worries of a Family Man
Hausvater: Master of the house, or warden–like at a boarding school.
Or: paterfamilias, the male head of a household

1. Die einen sagen, das Wort Odradek stamme aus [stammen (aus): come (from)] dem Slawischen und sie suchen [search] auf Grund [auf Grund von: on the strength of] dessen die Bildung [formation] des Wortes nachzuweisen [nachweisen: prove]. Andere wieder meinen, es stamme aus dem Deutschen, vom Slawischen sei es nur beeinflußt [influenced]. Die Unsicherheit [Sicherheit: certainty] beider Deutungen [interpretations] aber läßt wohl [probably, arguably] mit Recht darauf schließen, daß keine zutrifft [zutreffen: be applicable / correct], zumal [particularly as] man auch mit keiner von ihnen einen Sinn [sense, meaning] des Wortes finden kann.

1. Some say that the word Odradek comes from the slavic and on that basis they try to prove the {etymological} formation of the word. Others opine it comes from the German, is only influenced by the Slavic. But the uncertainty of both interpretations arguably justifies concluding that neither is correct, especially as one can’t find a meaning of the word with either one of the supposed explanations}.

1. Die einen sagen, das Wort Odradek stamme aus dem Slawischen und sie suchen auf Grund dessen die Bildung des Wortes nachzuweisen. Andere wieder meinen, es stamme aus dem Deutschen, vom Slawischen sei es nur beeinflußt. Die Unsicherheit beider Deutungen aber läßt wohl mit Recht darauf schließen, daß keine zutrifft, zumal man auch mit keiner von ihnen einen Sinn des Wortes finden kann.

2. Natürlich würde sich niemand mit solchen Studien [studies] beschäftigen [occupy], wenn es nicht wirklich ein Wesen [being] gäbe, das Odradek heißt. Es [neuter from of “it”] sieht zunächst [initially / at first] aus wie eine flache sternartige Zwirnspule [r Zwirn: twine, twist; e Spule: spool], und tatsächlich [actually] scheint [appears] es auch mit Zwirn bezogen [beziehen: to cover]; allerdings [however] dürften [konjunktiv II (subjunctive mood) of dürfen (“may” or “can”)] es nur abgerissene [ragged] , alte, aneinander geknotete [knoten: knot], aber auch ineinander verfitzte [verfitzt: tangled up] Zwirnstücke [pieces of twine] von verschiedenster [verschieden: different] Art [type] und Farbe sein.

2. Naturally no one would occupy themselves with such studies if there wasn’t really a being called Odradek. At first glance it looks like a flat, star-shaped spool of twine. And it actually appears to be covered with twine–although they must be only ragged old twine-scraps of the most different types and colors all knotted up and tangled into each other.

2. Natürlich würde sich niemand mit solchen Studien beschäftigen, wenn es nicht wirklich ein Wesen gäbe, das Odradek heißt. Es sieht zunächst aus wie eine flache sternartige Zwirnspule, und tatsächlich scheint es auch mit Zwirn bezogen; allerdings dürften es nur abgerissene, alte, aneinander geknotete, aber auch ineinander verfitzte Zwirnstücke von verschiedenster Art und Farbe sein.

3. Es ist aber nicht nur eine Spule [spool], sondern [but (in the contrasting sense of “rather”)] aus der Mitte des Sternes [star] kommt ein kleines Querstäbchen [quer: diagonally; r Stab: rod; chen: diminutive] hervor [out of] und an dieses Stäbchen fügt [joins] sich dann im rechten Winkel [rechter Winkel: right angle] noch eines. Mit Hilfe dieses letzteren [latter] Stäbchens auf der einen Seite [side], und einer der Ausstrahlungen [radiance / radiation / emanation] des Sternes auf der anderen Seite, kann das Ganze wie auf zwei Beinen [legs] aufrecht [upright] stehen [stand].

3. But it isn’t just a spool, for a tiny little diagonal rod comes out from the middle of the star, and then, joined at a right angle to this first tiny rod, there is yet another. With the help of this latter rod on the one side and one of the star’s points on the other side, the whole thing can stand upright as if on two legs.

3. Es ist aber nicht nur eine Spule, sondern aus der Mitte des Sternes kommt ein kleines Querstäbchen hervor und an dieses Stäbchen fügt sich dann im rechten Winkel noch eines. Mit Hilfe dieses letzteren Stäbchens auf der einen Seite, und einer der Ausstrahlungen des Sternes auf der anderen Seite, kann das Ganze wie auf zwei Beinen aufrecht stehen.

4. Man wäre versucht [tempted] zu glauben [believe], dieses Gebilde [structure] hätte früher irgendeine [some, any] zweckmäßige [functionable] Form gehabt und jetzt sei es nur zerbrochen [zerbrechen: break]. Dies scheint [seems] aber nicht der Fall [case] zu sein; wenigstens [at least] findet sich kein Anzeichen [sign] dafür; nirgends sind Ansätze [approaches; less common: edges] oder Bruchstellen [Bruch: break; Stellen: places, areas] zu sehen, die auf etwas Derartiges [of the kind] hinweisen [point to] würden; das Ganze erscheint [appear] zwar sinnlos [senseless], aber in seiner Art [way] abgeschlossen [completed, self-contained]. Näheres läßt sich übrigens [incidentally] nicht darüber sagen, da Odradek außerordentlich beweglich [movable] und nicht zu fangen [catch] ist.

4. One would be tempted to believe that this structure once had some practical form and now it’s just broken. However, this seems not the case, at least there’s not sign of it, nowhere are there any visible edges or fractures, which would confirm such an explanation; it’s true that the whole thing appears to be senseless but it is in its own way a whole. To say more is, as it happens, not possible, for Odradek is extraordinarily agile and not to be caught.

4. Man wäre versucht zu glauben, dieses Gebilde hätte früher irgendeine zweckmäßige Form gehabt und jetzt sei es nur zerbrochen. Dies scheint aber nicht der Fall zu sein; wenigstens findet sich kein Anzeichen dafür; nirgends sind Ansätze oder Bruchstellen zu sehen, die auf etwas Derartiges hinweisen würden; das Ganze erscheint zwar sinnlos, aber in seiner Art abgeschlossen. Näheres läßt sich übrigens nicht darüber sagen, da Odradek außerordentlich beweglich und nicht zu fangen ist.

5. Er hält sich [sich aufhalten: stay] abwechselnd [in alternation] auf dem Dachboden [attic], im Treppenhaus [staircase], auf den Gängen [corridors], im Flur [“hall” or “vestibule”] auf. Manchmal [sometimes] ist er monatelang [months-long] nicht zu sehen; da ist er wohl [probably] in andere Häuser übersiedelt [moved, relocated]; doch kehrt [zurueckkehren: return] er dann unweigerlich [unavoidably] wieder [again] in unser Haus zurück. Manchmal, wenn man aus der Tür tritt [steps] und er lehnt [sich lehnen : lean] gerade unten am Treppengeländer [das Geländer: railing], hat man Lust, ihn anzusprechen [speak to]. Natürlich stellt man an ihn keine schwierigen [difficult] Fragen [questions], sondern behandelt [handle] ihn—schon seine Winzigkeit [winzig: tiny] verführt [seduce] dazu—wie ein Kind.

5. He resides alternately in the attic, on the staircase, in the hallways or the vestibule. Sometimes he’s not seen for months; then he’s most likely relocated to other houses; but he inevitably returns to our house. Sometimes, when one steps out the door and he’s leaning on the railing directly underneath, one would like to address him. Naturally one doesn’t ask him any difficult questions, rather treats him—his tininess alone elicits this response—like a child.

5. Er hält sich abwechselnd auf dem Dachboden, im Treppenhaus, auf den Gängen, im Flur auf. Manchmal ist er monatelang nicht zu sehen; da ist er wohl in andere Häuser übersiedelt; doch kehrt er dann unweigerlich wieder in unser Haus zurück. Manchmal, wenn man aus der Tür tritt und er lehnt gerade unten am Treppengeländer, hat man Lust, ihn anzusprechen. Natürlich stellt man an ihn keine schwierigen Fragen, sondern behandelt ihn—schon seine Winzigkeit verführt dazu—wie ein Kind.

6. „Wie heißt du denn?« fragt man ihn. »Odradek,« sagt er. »Und wo wohnst du?« »Unbestimmter [unbestimmt: indefinite] Wohnsitz [(place of) residence],« sagt er und lacht [laughs]; es ist aber nur ein Lachen [laughter], wie man es ohne Lungen [lungs] hervorbringen [produce] kann. Es klingt [sounds] etwa [approximately] so, wie das Rascheln [rascheln: to rustle] in gefallenen Blättern [leaves]. Damit ist die Unterhaltung [conversation] meist zu Ende. Übrigens [incidentally] sind selbst diese Antworten [answers] nicht immer zu erhalten [obtain]; oft ist er lange stumm [silent], wie das Holz [wood], das er zu sein scheint.

6. „So, what’s your name?“ one asks him. “Odradek,” he says. “And where do you live?” “Indefinite residence,” he says and laughs; it is however a laugh like one can only produce without lungs. It sounds a little like the rustling of fallen leaves. With that the conversation is usually at an end. By the way, these answers are not always to be had; often he’s long silent like the wood he appears to be.

6. „Wie heißt du denn?« fragt man ihn. »Odradek,« sagt er. »Und wo wohnst du?« »Unbestimmter Wohnsitz,« sagt er und lacht; es ist aber nur ein Lachen, wie man es ohne Lungen hervorbringen kann. Es klingt etwa so, wie das Rascheln in gefallenen Blättern. Damit ist die Unterhaltung meist zu Ende. Übrigens sind selbst diese Antworten nicht immer zu erhalten; oft ist er lange stumm, wie das Holz, das er zu sein scheint.

7. Vergeblich [in vain] frage ich mich, was mit ihm geschehen wird. Kann er denn sterben [die]? Alles, was stirbt, hat vorher eine Art [type] Ziel [goal], eine Art Tätigkeit [activity, occupation] gehabt und daran hat es sich zerrieben [zerreiben: grind, crush]; das trifft bei Odradek nicht zu [zutreffen: to be applicable]. Sollte er also einstmals [once, formerly] etwa noch vor den Füßen meiner Kinder und Kindeskinder mit nachschleifendem [trailing] Zwirnsfaden [Zwirn: twine; r Faden: thread] die Treppe hinunterkollern [hinunter: down; kollern: roll]? Er schadet [harms] ja offenbar [evidently] niemandem; aber die Vorstellung [notion], daß er mich auch noch [auch noch: (in this instance) as yet (I think)] überleben [outlive] sollte, ist mir eine fast [almost] schmerzliche [painful].

7. In vain I ask myself what will happen to him. Can he die? Everything that dies had previously some kind of goal, some activity upon which it ground itself out; that doesn’t apply to Odradek. Will he then one day, twines trailing, roll down the steps at the feet of my children and my children’s children? He clearly harms no one; but the idea that he might outlive me is almost painful.

7. Vergeblich frage ich mich, was mit ihm geschehen wird. Kann er denn sterben? Alles, was stirbt, hat vorher eine Art Ziel, eine Art Tätigkeit gehabt und daran hat es sich zerrieben; das trifft bei Odradek nicht zu. Sollte er also einstmals etwa noch vor den Füßen meiner Kinder und Kindeskinder mit nachschleifendem Zwirnsfaden die Treppe hinunterkollern? Er schadet ja offenbar niemandem; aber die Vorstellung, daß er mich auch noch überleben sollte, ist mir eine fast schmerzliche.

English Translation

Die Sorge des Hausvater’s / Concerns of a Family Man
Hausvater: Master of the house, or warden–like at a boarding school.
Or: Paterfamilias the male head of a household

Some say that the word Odradek comes from the Slavic and on that basis they try to prove the etymological formation of the word. Others opine it comes from the German and is only influenced by the Slavic. But the uncertainty of both interpretations arguably justifies concluding that neither is correct, especially as neither of the supposed explanations yields a meaning.

Naturally, no one would occupy themselves with such studies if there wasn’t really a being called Odradek. At first glance it looks like a flat, star-shaped spool of twine. And it actually appears to be covered with twine–although they must be only ragged old twine-scraps of the various types and colors all knotted up and tangled into each other. But it isn’t just a spool, for a tiny little crossbar sticks out from the middle of the star, and then, joined at a right angle to this first tiny rod, there is yet another. With the help of this latter rod on the one side and one of the star’s points on the other side, the whole thing can stand upright as if on two legs.

One would be tempted to believe that this structure once had some practical form and now it’s just broken. However, this seems not the case, at least there’s not sign of it–nowhere are there any visible edges or fractures, which would confirm such an explanation; it’s true that the whole thing appears to be senseless, but it is in its own way a whole. To say more is, as it happens, not possible, for Odradek is extraordinarily agile and not to be caught.
He whiles alternately in the attic, on the staircase, in the hallways or the vestibule. Sometimes he’s not seen for months; then he’s most likely relocated to other houses; but he invariably returns to our house. Sometimes, when one steps out the door and he’s leaning on the banister directly underneath, one would like to address him. Naturally, one doesn’t ask him any difficult questions, rather treats him—his tininess alone elicits this response—like a child.

“So, what’s your name?” one asks him. “Odradek,” he says. “And where do you live?” “Indeterminate residence,” he says and laughs; it is however a laugh like one can only produce without lungs. It sounds a little like the rustling of fallen leaves. With that the conversation is usually at an end. By the way, these answers are not always to be had; often he’s long silent like the wood he appears to be.

In vain I ask myself what will happen to him. Can he die? Everything that dies had previously some kind of goal, some activity upon which it ground itself out; that doesn’t apply to Odradek. Will he then one day, twines trailing, roll down the steps at the feet of my children and my children’s children? He clearly harms no one; but the idea that he might outlive me almost pains me.

Story: Franz Kafka
Translation: AMW

Original:

Die Sorge des Hausvaters.

Die einen sagen, das Wort Odradek stamme aus dem Slawischen und sie suchen auf Grund dessen die Bildung des Wortes nachzuweisen. Andere wieder meinen, es stamme aus dem Deutschen, vom Slawischen sei es nur beeinflußt. Die Unsicherheit beider Deutungen aber läßt wohl mit Recht darauf schließen, daß keine zutrifft, zumal man auch mit keiner von ihnen einen Sinn des Wortes finden kann.

Natürlich würde sich niemand mit solchen Studien beschäftigen, wenn es nicht wirklich ein Wesen gäbe, das Odradek heißt. Es sieht zunächst aus wie eine flache sternartige Zwirnspule, und tatsächlich scheint es auch mit Zwirn bezogen; allerdings dürften es nur[97] abgerissene, alte, aneinander geknotete, aber auch ineinander verfitzte Zwirnstücke von verschiedenster Art und Farbe sein. Es ist aber nicht nur eine Spule, sondern aus der Mitte des Sternes kommt ein kleines Querstäbchen hervor und an dieses Stäbchen fügt sich dann im rechten Winkel noch eines. Mit Hilfe dieses letzteren Stäbchens auf der einen Seite, und einer der Ausstrahlungen des Sternes auf der anderen Seite, kann das Ganze wie auf zwei Beinen aufrecht stehen.

Man wäre versucht zu glauben, dieses Gebilde hätte früher irgendeine zweckmäßige Form gehabt und jetzt sei es nur zerbrochen. Dies scheint aber nicht der Fall zu sein; wenigstens findet sich kein Anzeichen dafür; nirgends sind Ansätze oder Bruchstellen zu sehen, die auf etwas Derartiges hinweisen würden; das Ganze erscheint zwar sinnlos, aber in seiner Art abgeschlossen. Näheres läßt sich übrigens nicht darüber sagen, da Odradek außerordentlich beweglich und nicht zu fangen ist.

Er hält sich abwechselnd auf dem Dachboden, im Treppenhaus, auf den Gängen, im Flur auf. Manchmal ist er monatelang nicht zu sehen; da ist er wohl in andere Häuser übersiedelt; doch kehrt er dann unweigerlich wieder in unser Haus zurück. Manchmal, wenn man aus der Tür tritt und er lehnt gerade unten am Treppengeländer, hat man Lust, ihn anzusprechen. Natürlich stellt man an ihn keine schwierigen Fragen, sondern behandelt ihn – schon seine Winzigkeit verführt[100] dazu – wie ein Kind. »Wie heißt du denn?« fragt man ihn. »Odradek,« sagt er. »Und wo wohnst du?« »Unbestimmter Wohnsitz,« sagt er und lacht; es ist aber nur ein Lachen, wie man es ohne Lungen hervorbringen kann. Es klingt etwa so, wie das Rascheln in gefallenen Blättern. Damit ist die Unterhaltung meist zu Ende. Übrigens sind selbst diese Antworten nicht immer zu erhalten; oft ist er lange stumm, wie das Holz, das er zu sein scheint.

Vergeblich frage ich mich, was mit ihm geschehen wird. Kann er denn sterben? Alles, was stirbt, hat vorher eine Art Ziel, eine Art Tätigkeit gehabt und daran hat es sich zerrieben; das trifft bei Odradek nicht zu. Sollte er also einstmals etwa noch vor den Füßen meiner Kinder und Kindeskinder mit nachschleifendem Zwirnsfaden die Treppe hinunterkollern? Er schadet ja offenbar niemandem; aber die Vorstellung, daß er mich auch noch überleben sollte, ist mir eine fast schmerzliche.

Short Story Game #2: Die Weise von Liebe und Tod des Cornets Christoph Rilke – Part C: Response Story (No Part B today)

Short Story Game #2: Die Weise von Liebe und Tod des Cornets Christoph Rilke – Part C: Response Story (No Part B today)

Der Heimkehr des Cornets Christoph Rilke

»… den 24. November 1663 wurde Otto von Rilke / auf Langenau / Gränitz und Ziegra / zu Linda mit seines in Ungarn gefallenen Bruders Christoph hinterlassenem Anteile am Gute Linda beliehen; doch mußte er einen Revers ausstellen / nach welchem die Lehensreichung null und nichtig sein sollte / im Falle sein Bruder Christoph (der nach beigebrachtem Totenschein als Cornet in der Kompagnie des Freiherrn von Pirovano des kaiserl. österr. Heysterschen Regiments zu Roß …. verstorben war) zurückkehrt …«
I.
Schreiten, schreiten, nervös auf und ab.
Graf Jakob von Langenau, erst vierzig Jahre alt, seit 2010 Geschichtsprofessor an die Universität Heidelberg, in seiner weitläufigen Wohnung voller Hartholz und Bücher auf und ab schreitend, überlegt die allerwichtigste Frage seiner Forschung, die für ihn einzige Frage: wie kann man gerecht den Bedarf von jedermann decken, ohne irgendjemand zu schaden. Gewiss ist diese Frage ihm vorwiegend aus dem relativen Luxus seines Lebens gewachst, aber die Frage geht weit über ihn und seine moralische und soziale Ungetümlichkeiten hinaus. Sie ist doch die Frage nach dem echten Fortschritt. Nur wenn wir die Gerechten der Besitzer sowohl die Gerechten der Nicht-Besitzer schützen–nur dann können wir alle zusammen friedlich voran gehen. Jakob will einfach wissen, wie die Menschen die Unterdrückung sowohl das Chaos vermeiden kann. Welche andere wesentliche politische Frage gäbe es?
Schreiten, schreiten, schreiten.

Und der Mut ist so müde geworden und die Sehnsucht so groß. Der Neckar glänzt schwarz. Stadtseite ist seine Dunkelheit von weiss-gelben Lichtstreifen mit gezackten Kanten unterbrochen. Dann aber kräuselt er sich wieder purschwarzkalt heraus. Im Winter fangen die Nächte um halb fünf an. Was soll ein Mann? Wir Männer wollen doch etwas sich lohnendes schaffen und dazu irgendwie anständig leben, spüren aber ständig den Druck der Geschlechtigkeit, als ob man nur auf der Erde wäre, um schöne Frauen zu explodieren. Das darf nicht wahr sein–oder? Ganz bestimmt nicht. Aber das Austausch von Leidenschaften zwischen Männern und Frauen ist auch sicherlich nicht bedeutungslos. Das Problem ist, dass sobald man ihre Wichtigkeit zugibt, erlaubt man die Sexualität und seine Liebesdränge ein Platz am Tisch, der sie unweigerlich verwenden, mittels unheimlich überzeugender Gefühle zu behaupten, dass sie doch die allerwichtigsten seien. Also zum Schein muss man zwischen zwei perverse Übertreibungen wählen: die unehrliche Übernüchternheit der totalgeistigen Abstinenz und den unehrlichen Rausch des Befriedigungsbemühens. Was ist überhaupt wahr heutzutage? Besonders wenn man ein immer noch ziemlich jung und gutaussehender Professor, umgegeben von netten, intelligenten, bluthübschen jungen Frauen ist. Welche Realität könnte so einem gehören? Welcher Kompromiss wäre seiner Leidenschaft und seiner Gelassenheit gemäß? Vielleicht ob er wieder zur Kirche ginge. Naja, heute haben wir Donnerstag; der Gottesdienst feiert man prinzipiell Sonntage …
Der von Langenau richtet sich auf, macht halt vor einem Neckarüberblickenden Fenster, und sagt: »Fräulein …«

Seine Nachbarin die Alte Brücke hüpft in sechs schlichte, saubere Bogen über den breiten stillen Neckar. Schon neun Mal und in ihrem jetzigen Gestalt seit 1788 spannt sie diese Stelle zwischen der mittelalterlichen weißgewandigten rotgedachten Altstadt und einem begrünten Wohnabhang. Jetzt weiß sie nichts mehr. Sie ist wie ein Kind, das schlafen möchte. Schwarze Nacht bleibt auf ihrem feinen roten Sandstein liegen; sie merkt es nicht. Sie wird langsam welk in kalter, klarer, aber doch undurchsichtiger Winternachtluft.

Aber der von Langenau lächelt und sagt: »Du machst keinen Fehler, Fräulein Alte Brücke. Du beharrst in deiner Stelle: Man muss sich Sisyphos glücklich vorstellen«

Da blüht die alte Jungfrau noch einmal auf und zittert im schwarzen Wasser und ist wie neu.
Jemand klopft an die Tür. Ein Amerikaner offenbar. Laut und wichtigrhytmus-schnell setzt er seine Faust. »Was soll das? Wer darf das sein? Und wie ist er hier nach oben angekommen? Keiner hat geklingelt. Spätabend. Ein bisschen unerhört, oder? …« murmelt Jakob von Langenau als er, (schon drei meter entfernt) die rechte Hand sich gegen die Türknauf streckend, sich die Tür nähert.
Ins Guckloch ist alles klein und konvex.
Frauen sind aber immer besser. Es ist immer besser, eine Frau vor deiner Tür zu finden.

Da zieht die schöne, formschöne Frau mit großen dunklen Augen die Kapuze ihres grauen Sweatshirts ab. Seine dunklen Haare sind weich und, wie sie das Haupt senkt und sich nach die Schnürsenkel eines roten Canvasturnschuhs bückt, dehnen sie sich sanft-zauberhaft auf ihrem Nacken–fluid, wie Sandkörner durch gedehnte Finger.
Jetzt erkennt auch der von Langenau: Fern ragt etwas in der Blendung einer Außenkante des gewölbten Prismas, etwas schlankes, dunkles. Eine einsame Säule, halbverfallen. Und wie die Nacht vorüber, später, fällt ihm ein, daß das eine Madonna war. Der von Langenau ist aber nicht abergläubisch, kann also nichts daraus schließen, kann in solchen Fällen nur bis auf die ewigen Himmel staunen–ohne eine Schlussfolgerung zu ziehen: ein schwieriges, schwermütiges existentielles Heroismus! Man muss dazu geschaffen sein.
II.

Runder Eichentish unter vier hellen weißen Glühlampen im Windradarrangement von einem mehrfarbrigen Buntglasshirm eingekreist. (Auf der einen Seite, eine hoch moderne dunkelholz, weißmarmor, edelstahl Küche; auf der nächsten, ein klassisches oft antikes dunkelholz rotsamt, Wohnzimmer–ein großer Schritt von der Küche gesunken, mit vier neckarzugewandten Stahlgittterfenstern, einer Bücherregalwand, und, an einer Ziegelmauer hängend, einem Paar Porträts wichtiger von Langenaus aus der achtzehnten Jahrhundert). Man sitzt rundumher und wartet. Wartet, daß einer spricht. Aber man ist unsicher. Das warme weiße Licht umhüllt. Es macht ein Reichsapfel worin die zwei Fremde–auf 1880s dunkeleichen Stühlen mit kunstvoll geschnittenen thronartigen (bedeckt mit drei Turmspitzen, usw) Lehnen und Gittersitzflächen aus dunkelblondem Korbgeflecht sitzend–sich über den Tisch anstarren, wegsehen, wieder einander ansehen und in verfremdeten Grinsen zucken. Plötzlich aber leuchten–mit eigenem, seelegeborenen Licht–eine Weile die schwarzen Augen der mittelgroßen Asiastischamerikanerin mit tropfenformigem Gesicht, zartem Schmollmund, breiten athletischen Schultern, und vollen Brüsten. »Es werde Licht!« dachte der von Langenau. Und, sein Geist Brust Bauch Eingeweide Geschlecht in wunderschön-vagen, traumhaften Gefühlen schwimmend, sprach er leise und konzentriert-betont:
»Wer, wenn ich schriee, hörte mich denn aus der Engel
Ordnungen? und gesetzt selbst, es nähme
einer mich plötzlich ans Herz: ich verginge von seinem
stärkeren Dasein. Denn das Schöne ist nichts
als des Schrecklichen Anfang, den wir noch grade ertragen,
und wir bewundern es so, weil es gelassen verschmäht,
uns zu zerstören. Ein jeder Engel ist schrecklich.«
Sie lächelt ihn an als er befangen und schildkrötisch seine Lippen nach innen rollt und langsam sein Mund schließt, sein Blick und Kopf dazu ein bisschen sinken. Er ist groß, schlank–ein schlaksiges Rechteck. Kurze blonde nach oben und hinten gebürsteten Haaren. Hellblaue Augen, Habsichtsnase, ein langer robuste Kiefer. Der Anfang von Runzelbildungen um seine Augen und Mundwinkel. Dreißigerjahre? Frühe Vierziger? Seine dicke, schaufelartige Hände setzt er zuerst auf den Tisch, dann auf den Schoss, dann wieder auf den Tisch. Seine Stimme ist tief wie aus einer Höhle, aber im Hintergrund zittert sie–oder irre ich mich? Seine Interesse ist peinlich offensichtlich–sie blutet aus ihm, wie ein Kind oder Hund. Weißt er wie das Gedicht weiter geht? Weißt er überhaupt wie viele Elegies es gibt? Wollte er, bevor Verlegenheit ihn einholt, mich damit beeindrucken, oder mich eher damit berühren, indem er indirekt mir sagt, dass ich ihn berühre? Und lautlos ruft sie den nächsten Schritt zusammen ins Gedächtnis:
Ein jeder Engel ist schrecklich.
Und so verhalt ich mich denn und verschlucke den Lockruf
dunkelen Schluchzens. Ach, wen vermögen
wir denn zu brauchen? Engel nicht, Menschen nicht,
und die findigen Tiere merken es schon,
daß wir nicht sehr verläßlich zu Haus sind
in der gedeuteten Welt. Es bleibt uns vielleicht
irgend ein Baum an dem Abhang, daß wir ihn täglich
wiedersähen; es bleibt uns die Straße von gestern
und das verzogene Treusein einer Gewohnheit,
der es bei uns gefiel, und so blieb sie und ging nicht.
O und die Nacht, die Nacht, wenn der Wind voller Weltraum

uns am Angesicht zehrt –, wem bliebe sie nicht, die ersehnte,
sanft enttäuschende, welche dem einzelnen Herzen
mühsam bevorsteht. Ist sie den Liebenden leichter?
Ach, sie verdecken sich nur mit einander ihr Los.
Der von Langenau hat es gesehen–ihres sanfte, schonende, behutsame Lächeln. Er denkt: ich habe keine Rose, keine; ich habe keine Worte–muss sie stehlen; ich habe keine Ahnung–muss irgendeine eine Ahnung mimen. Oder doch vielleicht einfach hier bebend sitzen. Ja. Ich soll verlieren, also sitze ich hier, verliere, und dadurch die Gerechtigkeit betreuen. Aber hätte ich eine Rose, schenkte ich ihr sowieso–auch wenn ich verlieren soll, muss, und pflichtgemäß werde.

Dann öffnet er den Mund einen Augenblick um die Lippen dazu vorbereiten, noch enger zusammen zu drücken, sodass im nächsten Augenblick das Maul gerade oben und unten der Lippen sich bauscht. Die Augen öffnen weit; die Stirn runzelt tief. Und die ist eine alte traurige Verwirrung, die seit fast vierzig Jahren durch ihn spielt und in seinen Gesichtsausdrücken, Gebärden, Wortwahlen und Handlungen heimlich und oft pervers erscheint.
Nimm dich doch zusammen, Junge! Verliere, wenn du verlieren mußt, freundlich!

Sagt der von Langenau: »Sie sind also Studentin?«

Und Susan Lang: »Postgrad.« Dann schweigen sie eine kurze tiefe Weile.
Später fragt der von Langenau: »Also, Sie wollten mir etwas wichtiges sagen?«

»Ja« gibt die aus Wichita zurück. »Eine seltsame Geschichte. Ich hoffe, daß Sie sie glauben werden, und daß sie wahr ist.«

Und sie schweigen wieder, bis der Deutsche ruft: »Aber zum Teufel, wie seltsam kann sie doch sein! Heraus damit!« Er wollte damit herzhaft-lustig wirken, fühlt sich aber dann verlegen und schuldig wie beim mißerfolgten Versuch den Klassenkasper zu spielen, und–die Handgelenke auf dem Tisch und die Hände angehoben als ob sie Scheinwerfer hielten–neigt er sich den Kopf, schließt die Augen und öffnet den Mund in einer frustrierten Fratzen. Er will sich aufsammeln und was vernünftiges sagen, aber ihr Lachen unterbricht seine Gewissensprüfung.

Susan lächelt. »Also meine seltsame Geschichte! Aber zuerst, verstehen Sie bitte mein Zögern: meine Familie hat vier hundert Jahren gewartet, deine Familie diese Geschichte zu erzählen.«
Was für eine nette Frau! Sie lauert um die Schiffsseite, etliche Rettungsringen um beide Arme. Sie nutzt er Leben um die armen, von schwarzen Sturmwellen geprügelten Ertrinkender zu retten. Sie, der Gottheit gleich, verbietet es, daß auch nur eine einzige Menschenseele verloren geht. Was für eine nette Frau!
Der von Langenau blickt ermuntert auf: »Vier hundert Jahren?! Also soll ich Sie nicht hetzen!« Und sein Humor wird warm und kichernausstrahlend.
Sie neigt sich den Kopf ein bisschen zur Seite. Ihr Lächeln wird ganz dünn; ihre Augen spähend.

Und auf einmal wachst durch seine dankbare Freude eine sanfte bereuende Schwermut. Er denkt an ein blondes Mädchen, mit dem er studierte. Wilde Ideen, große Hoffnungen, alles und immer zu weit gehend. Er möchte nach 2000, für einen Augenblick nur, nur für so lange, als es braucht, um die Worte zu sagen: »Jakob von Langenau: hör jetzt auf! Ich verspreche dir, daß es Zeit ist, damit aufzuhören. Und anzufangen, dich zu fragen, warum … –ach, nein. Das ginge nicht. Ich weiß nicht wie ich dir raten soll. Es tut mir Leid. Aber hör jetzt bitte auf!« Und er sinkt seine Augen in ihren mit dem herzlichsten Wunsch, drin akzeptiert zu sein.

Sie können nicht voneinander. Sie sind Freunde auf einmal. Haben einander mehr zu vertrauen; denn sie wissen schon so viel Einer vom Andern. Sie zögern. Und ist Kunstlicht und Dampfhitze um sie. Da blinkt Miss Lang und richtet sich breitschultrig auf und das kleinste Stückchen zurück. Sie teilt die Lippen mit ihrer Zunge, so daß für einen Demi-augenblick sie drei Lippen hat–oder als ob sie feierlich eine Hostie im Mund hält.
Dann fängt sie zu sprechen an, und der von Langenau sieht nichts, hört nichts, ist irgendwie nur ihrer Wörtern, ihrer Geschichte bewußt.

III. Ihre Geschichte

Den 23 November 1663 langte Christoph von Langenau, erst achtzehn und seit mehr als einen Monat unterwegs, im Schloss Sárkány, auf der ungarischen Seite des Raabs, an, wo er sich die Kompagnie des Freiherrn von Pirovano anschloß. Aufgrund seines Adelsstandes und eines vom örtlichen Fürsten verfassenen Empfehlungsschreiben, gewährte man ihm die Ehre, als Fahnenträger des kaiserlichen österreichischen Heysterschen Regiments zu Roß gegen den Osmanisches Reich in den Krieg zu ziehen.

Er hat die letzten drei Tagen allein gereitet. Mit jedem Stoß des kanternden Pferd fühlte er das Gewicht seines Brustpanzers und das Streicheln des kratzigen wolligen Waffenrocks. Dabei bedachte er ein rotes Rosenblatt, ihm von seinem Reisegefährtens der Marquis D’Andelot geschenkt, das zwischen Waffenrock und Fleisch sein junges Herz kribbelt. Am Tag zuvor hatte er den unheimlichsten Traum seines Lebens:

Er träumt.
Aber da schreit es ihn an.
Schreit, schreit,
zerreißt ihm den Traum.
Das ist keine Eule. Barmherzigkeit:
der einzige Baum
schreit ihn an:
Mann!
Und er schaut: es bäumt sich. Es bäumt sich ein Leib
den Baum entlang, und ein junges Weib,
blutig und bloß,
fällt ihn an: Mach mich los!

Und er springt hinab in das schwarze Grün
und durchhaut die heißen Stricke;
und er sieht ihre Blicke glühn
und ihre Zähne beißen.

Lacht sie?

Ihn graust.
Und er sitzt schon zu Roß
und jagt in die Nacht. Blutige Schnüre fest in der Faust.

Also war es kein Traum; also entdeckte er den Krieg.

Im Morgenlicht, die roten klebrigen Händen im Eiswasser eines kleinen Bachs gereinigt, schrieb Christoph von Langenau einen Brief, ganz in Gedanken. Langsam malt er mit großen, ernsten, aufrechten Lettern:

»Meine gute Mutter,
seid stolz: Ich trage die Fahne,
seid ohne Sorge: Ich trage die Fahne,
habt mich lieb: Ich trage die Fahne –«

Dann steckte er den Brief zu sich in den Waffenrock, an die heimlichste Stelle, neben das Rosenblatt. Und er denkt: er wird bald duften davon. Und denkt: vielleicht findet ihn einmal Einer … Und denkt: ….; Denn der Feind ist nah.

Und so ging es weiter, auch wenn für ihn alles schon vorüber war. Er traf sich mit anderen, die der Heystersche Regiment gehören sollte. Andere freiwillige, wie er und der Marquis und die übrigen Reisegefährten—die aber alle für andere Regiments bestimmt waren, und von denen er deshalb sich vor drei Tagen getrennt hatte. Die Krieger kamen aus jedem Teil des Heiligen Römischen Reichs—das damals ganz Deutschland sowie Teile vom heutigen Frankreich, Holland, Polen, Tschechien, Österreich, Slowenien, und Italien umfasste—am Schloss Sárkány an.

Fünf Meilen vorm Burgtor ritten sie über einen erschlagenen Bauern. Er hatte die Augen weit offen und Etwas spiegelte sich drin; kein Himmel. Später heulten Hunde. Es kam also ein Dorf, endlich. Und über den Hütten stieg steinern ein Schloß.

Dann wird alles zum Rausch: Willkommen, ein Festmahl, ein Tanz, eine erste Liebe—die Gräfin, habe ihm ausgewählt—, beglückt eingeschlafen, zum Feuer und Rauch aufgewacht, Chaos, der Feind ist am Tor, jeder läuft im Schlafrock nach seiner Rüstung, die Fahne ist verbrennt und die Panzerung zu heiß zum Anfassen, er muss die Flammen entkommen, auf einmal ist die Gräfin wieder da, sie zieht ihn weg und er—der jetzt so unheimlich müde, einsam, und biegsam fühlte—folgt ihre schönen, vollen, in Seide bewegenden Hüpfen durch einen dunklen, nasskalten Fluchtstollen, und—während seine Kameraden und ihr Graf heroisch sterben und ihre Freundinnen zur Kriegsbeute wird—reiten sie gemeinsam, er vorn und sie an ihm festgeklebt, auf einem versteckten Ross.

Sie reiten, mit den Gulden des heroisch früh im Schlacht gefallenen Grafs in ihren Taschen bis an Ende der Welt, nach China, nach nirgendwo Kleindorf China, wo sie vier Kinder zusammen gebären und großziehen.

Ihre Kinder werden weiße Chinesen; die Kinder ihrer Kinder Halbblüter; schon in der dritten Generation kann man die Adelsfamilie aus Langenau von den übrigen Dorfbewohner nicht unterscheiden. Sie tragen aber immer noch ihr Geheimnis, ihren Geheimstolz: Sie sind Adelige: Ihnen gehört zwei Schlösser, etliche Acker samt Bauern, und auch das Blut Christi und die ewige Rettung—was auch immer die sind. Und der älteste Sohn der älteste Sohn: er trägt immer die Fahne—sobald sie wieder vorrätig sei. Aber sie haben nicht nur einen Geheimstolz: sie sind auch von der tiefsten Schande belastet: Überlasser, Verräter, Versager. Gewiss: die echte Liebe erklärt alles und rechtfertigt vieles, aber immerhin bleibt eine Ursünde die man immer wieder erzählen und zu wiedergutmachen versprechen muss.

So vergingen Jahrhunderte. Die Familie wurde ehrgeiziger, dann tatsächlich reicher, wichtiger, mächtiger. Aber das alles ist je gleichgültig. Irgendwann wird es zu eng, und die übrigen sind geflohen, wurden als Chineser die Vereinigten Staaten erreichen, schon wieder arm, aber immer noch sicher, dass sie Adel sei. Ihr Vater aber, der letzte Junge des Stammbaums, fand das alles so blöd, wollte frei sein, Amerikaner, Wissenschaftler, Geiger, Tanzer, Basketballfan.

“Wieso, also, Sie sind doch hier. Sie haben Deutsch gelernt, die Reise gemacht, hierher gekommen, meine Tür geklingelt in kalter Winternacht, bei der Stille des Neckars.”

“Stimmt. Habe ich. Wollte einfach mal schauen. Halloa sagen. Das Ende zu erreichen, auch wenn das Ziel ist jetzt woanders.”

“Wo genau? Das Ziel? Wo ist es jetzt?”

“Da drüben, im Fluss, wo die Lichter zerstreute wirbelnde Schneekugel wurden. Nein, nein! Das Ziel? Jetzt? Jetzt empfinde ich die glatten Strasssteinen, jetzt geniesse ich den Frieden, jetzt bemerke ich daß die Weisheit eine Pause im Verlauf der Geschichte grabt, und daß wir ganz ruhig und dankbar der Sonne atmen muß.”

“Ja klar. Alles klar.”

Author: BW
Editor: AMW

Short Story Game #2: Die Weise von Liebe und Tod des Cornets Christoph Rilke – Part A: Synopsis

Short Story Game #2: Die Weise von Liebe und Tod des Cornets Christoph Rilke – Part A: Synopsis

“Die Weise von Liebe und Tod des Cornets Christoph Rilke” ist eine kurze dichterische Geschichte von Rainer Marie Rilke in 1899 geschrieben. Sie handelt sich von einem jungen Cornet (der niedrigste Rang der Kavallerie), der mit achtzehn in Ungarn im Schlacht gefallen ist.

RM Rilke wurde von einem Dokument im Besitz seines Onkels inspiriert:

»… den 24. November 1663 wurde Otto von Rilke / auf Langenau / Gränitz und Ziegra / zu Linda mit seines in Ungarn gefallenen Bruders Christoph hinterlassenem Anteile am Gute Linda beliehen; doch mußte er einen Revers ausstellen / nach welchem die Lehensreichung null und nichtig sein sollte / im Falle sein Bruder Christoph (der nach beigebrachtem Totenschein als Cornet in der Kompagnie des Freiherrn von Pirovano des kaiserl. österr. Heysterschen Regiments zu Roß …. verstorben war) zurückkehrt …«

Die Geschichte geht schnell vorbei. Man sieht/fühlt, wie im Traum, mehrere flaumige Szenen:

Sie reiten zusammen ans Heer: das Reiten unter schwerer Sonne fährt unendlich fort ohne einen Tapetenwechsel; Ein Marquis, nach Tagen vom Geschwätz, hat kein Wort mehr und welkt im Sattel–bis eine zart-lustige Bemerkung von dem von Langenau (Christoph Rilke–der Held des Stücks) ihn wiederermuntert; ein Deutscher beschreibt seine Mutter, und alle verstehen, auch wenn sie seine Sprache nicht können; sie werden eng, diese Männer aus verschiedenen europäischen Ländern; die dunklen Haare des Marquis dehnen sich frauenhaft, und in der Ferne sieht der von Langenau eine Madonna–bemerkt es aber nur nachher; sie sitzen erschöpft ums Wachtfeuer, und der von Langenau, der nicht schlaffen will, sieht den Marquis, als er eine Rose küsst: “Ich habe keine Rose, keine”, denkt er; denn singt der von Langenau ein trauriges Lied; ein kleines Gespräch: der Marquis hat eine Frau zu Hause–blonde wie der von Langenau—, und er reitet durch diesen giftigen Land den türkischen Hunden entgegen um wiederzukehren, und der von Langenau denkt an ein blondes Mädchen bei der er sich entschuldigen will; das Heer ist erreicht, sie trennen sich widerwillig, der Marquis akzeptiert ein Blatt der Rose und schiebt das fremde Blatt unter den Waffenrock; im Troß zerreißen die Knechte der Dirnen die Kleider; der von Langenau verneigt sich in einer Wolke Staub vor dem General Spork, aber dem Spork–der spricht ohne seine Lippen zu bewegen–ist seines Briefes der Einführung egal; der von Langenau reitet allein auf die Kompagnie, die jenseits der Raab (ein Fluss in Ungarn) liegt, und ist aus seinen Träumen gerissen: etwas schreit ihn an, und dann abhaut er die blutige Leiche einer jungen Frau vom Baum; Christoph schreibt einen Brief an seiner Mutter (“Seid stolz: ich trage die Fahne”) und steckt ihn neben das Rosenblatt (“vielleicht findet ihn einmal Einer”); sie reiten über einen erschlagenen Bauern, der Schloss ragt, sie sind vor den Toren und reiten hinein; endlich Rast, endlich Gast sein, sicher fühlen, in seidenen Sesseln unsoldatisch sich entspannen, und wieder erst lernen was Frauen sind; ein Fest steigt auf und dann ein Tanz und alle alle riß er hin; Frauen die man nur im Schlafe sieht: du träumst davon sie zu verdienen; er fühlt sich verfremdet wie im Traum: “Bist du die Nacht?” zu einer Frau, die lächelt, und er schämt sich für sein weißes Kleid; die Gräfin verführt ihn (“Dein weißes Kleid gibt mir Dein Recht”); “Langsam lischt das Schloß aus. Alle sind schwer: müde oder verliebt oder trunken”; sie finden einander und sich selbst im Dunkel; seine Kriegsgüter hängen über einem Sessel im Vorsaal; Brand leuchtet der Schloss und alle sammeln als die Trommeln beben; aber wo ist der Cornet und seine Fahne??; er läuft durch den brennenden Hallen und dann trägt er die Fahne er helmlos fern voran, die niemals so königlich war; “da brennt ihre Fahne mitten im Feind und sie jagen ihr nach”; allein tief im Feind, wirft er sein Pferd der heidnischen mitten hinein, und sechzehn runden Saebel springen auf ihn: eine lachende Wasserkunst; “Der Waffenrock ist im Schlosse verbrannt, der Brief und das Rosenblatt einer fremden Frau”; im nächsten Frühjahr sieht ein Kurier des Freiherrn von Pirovano in Langenau eine alte Frau weinen.

About the Short Story Game: The idea is to read classic short stories, outline and analyze them, and then write a story response.

Author & Editor: What Ever

Copyright: Andrew Mackenzie Watson 2017, all rights reserved. Please do not reproduce the content of this website without written consent of the copyright holder.

Short Story Game #1: The Secret Sharer (Part B: Analysis)

Short Story Game #1: The Secret Sharer (Part B: Analysis)

The narrator of Joseph Conrad’s “The Secret Sharer” is an older seaman recalling his youth. What a 21st Century reader will perhaps find most striking about this 1909 tale is how credulous the narrator is, without the author giving any hint that we are to disbelieve this credulous narrator. The thrust and beauty of the story relies upon the worthiness of Leggat; otherwise the ending loses its thrust and beauty: “yes, I was in time to catch an evanescent glimpse of my white hat left behind to mark the spot where the secret sharer of my cabin and of my thoughts, as though he were my second self, had lowered himself into the water to take his punishment: a free man, a proud swimmer striking out for a new destiny.” I suppose, the whole story could be reinterpreted much more sinisterly: Leggat, in this alternative reading, is actually guilty of an unforgivable crime that justice, decency, and the stability of the common weal demand we humans try before a judge a jury; and the captain’s close identification with Leggat blinds him from doing the right thing and turning him in–or at the very least, the captain’s willingness to put the ship and his shipmates at risk in order to bring his double a little closer to shore, is the act of a crazed and ultimately morally wrong mind. It is hard to believe Conrad meant the story to be anything like that. But how to tell? What makes me so sure Conrad wanted the readers to accept the narrator’s understanding of his actions as justified and his friend’s escape a good worth risking everything for?

The only fully sympathetic characters are the narrator and his double. Everyone else is portrayed as having some serious deficiency. The first mate is a gossipy, busy-bodying old coot–harmless enough, but not able to detach himself from his catch-phrase “Bless my soul, sir! You don’t say so!” and self-import (solver of mysteries with a knowing finger on his nose) to be fully self-aware. The very young second mate is taciturn, given to slouching, without any apparent spark of courage, fortitude, insight. The steward a simpleton, easily flustered. Upon introducing Captain (perhaps) Archbold, the narrator immediately declares: “A spiritless tenacity was his main characteristic, I judged.” And nothing in the rest of the story makes that reading seem incorrect. The man seems overwhelmed by the trauma of the events, unable to see the ambiguities within the murder-or-accident that the narrator so easily grasps, and seems obsessed with the idea of bringing this young man to justice–a young man he himself admits he never liked. And what reason does he give for not liking this young man? The young man is gentlemanly, but he is a plain man. What are we readers to do? Revolt against the well-educated and thoughtful narrator whose inner voice is so vivid? Who wants to turn down the narrator and take up the surrounding oafs whose inner lives are not part of the story? I don’t want to. Would I if I thought myself a simple man beleaguered by flashy gentlemen that know how all the science of my trade and how to act in public and have even read books and had thoughts, but that for all that–perhaps because of all that?–don’t really know how to work with real people like myself and my shipmates? Something like that must be (so-called) Archbold’s prejudice. But if we accept his view of things, then how ugly and gross the narrator and his friend and “a free man, a proud swimmer striking out for a new destiny” become; but none of those things seem ugly and gross. Both the narrator and his double seem sane (note the narrator’s humble and self-aware initial trepidation at his sudden captainhood) and decent enough and the murder really could be interpreted as an accident within a fair fight. Conrad does not give us a good reason to throw the narrator over and side with Captain Archbold and his hand-wringing, more-legalistic-than-good morality. And he even allows this early-story confirmation of the beauty of the straight-forward: “And suddenly I rejoiced in the great security of the sea as compared with the unrest of the land, in my choice of that untempted life presenting no disquieting problems, invested with an elementary moral beauty by the absolute straightforwardness of its appeal and by the singleness of its purpose.” Again, that could be taken as evidence that the captain is himself just as unable to grasp the opposite side of the ambiguity (the one that Captain Archbold had dogmatically clung to, just as our captain dogmatically clings to Leggat’s version), but the general flow and the clear-eyed sanity of the narration work against such an interpretation, as does the beauty of the statement, whereby we know that we are hearing a sound man and that the author loves him and his thoughts.

Nowadays you couldn’t write this story like this. People wouldn’t accept it. They’d have to wag their fingers and exult in their own ability to catch nuances that the author seemed to plow right over like a solid ship moves over the slight turbulences of calm water. They wouldn’t allow Conrad to get away with what he seems to have gotten away with: an adventure tale, clear good guys, no particular villains except the general uninspired gossipy nonsense of the dead mass of humanity, and an unambiguously happy ending. At the very least, we have to protest the danger the narrator put his shipmates in! And for what? To make it a little easier on another version of himself? For what is the secret sharer to him but a perfect picture of what a man like himself could become with just slightly changed outward circumstances.

Well, we may fuss at the edges, but the story rolls on, and it’s a pretty good one.

Look at this though: “I wonder they didn’t fling me overboard after getting the carcass of their precious shipmate out of my fingers.” And there we see a kind of gentleman’s contempt for the lower class, which the narrator does not question, but did Conrad see a little twist of indecency within it? These are manly, heroic men, they charge forward while the incompetents misconstrue and mangle whatever they’re entrusted with. Maybe we nowadayers are right to read this story with a touch more ambivalence than it was probably originally invested with, but our morality and insight is also more limited than we know; where that not the case, we would be wise and live well.

Some themes: old vs young / impulsive vigor vs calculating caution; madness caused by secrecy and its forced separation from the shared narrative; understanding a stranger because they are essentially like you while not understanding more familiar people because they are essentially different [editor’s note: my dogma does not permit me to accept the accuracy of this idea–at least not when taken to the extremes of us vs them compassionlessness]; a captain and his ship, with the latter ideally a seamless extension of the former;

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Short Story Game #1: The Secret Sharer (Part A: Synopsis)

Short Story Game #1: The Secret Sharer (Part A: Synopsis)

Author: Joseph Conrad
Setting: A ship in the Gulf of Siam (now Thailand)
The story was written in 1909. And the simultaneous existence of steam-powered tugboats and sailing ships makes it seem reasonable to suppose the story is set somewhere around that time.

Characters:
The narrator/captain: a young Conway man (meaning he’d trained on the merchant navy school ship the HMS Conway, which was active from 1859 to 1953). He is a good writer and very capable of descriptions both detailed and poetic. He is recalling an event early in his career. His first command.
The first mate:Th older, with outlandish whiskers, taken to ferreting out mysteries (example: how that scorpion got into his inkwell; why that large ship loomed still so far from shore). A bustler-about and given to shouting “Bless my soul, sir! You don’t say so!”, a bit of a gossip and busy-body.
The second mate: younger even than the captain; quiet; given to unsailormanly lolling–or at least caught once in such indulgences.
The Steward: I don’t know if he’s a nervous character or just the constant ordering about from the captain makes him skiddish. He’s described once as “innocent”
The rest of the crew: Not developed. A mass of men who do what they are told.
Leggatt:A Conway a couple year’s younger than the ship’s captain. Same basic physical size of the captain (the other’s sleeping suit fits him and the captain often notices that, with the face obscured, they look like the same person). “He had rather regular features; a good mouth; light eyes under somewhat heavy, dark eyebrows; a smooth, square forehead; no growth on his cheeks; a small, brown mustache, and a well-shaped, round chin. … A well-knit young fellow of twenty-five at most.”
Captain Archbold & His Ship: The captain of the Sephora (Archbold may not be his name: the narrator can’t recall exactly)–a coal carrier out of Liverpool, most recently out of Cardiff (Wales), and now 123 days at sea. The ship can only dock during the high spring tides (because otherwise she’ll run aground) and is waiting for them to come into port. The captain has been at sea 37 years, his wife is on board with him. At the time of his appearance in the narrative he’s still shaken up–apparently by the gale that nearly sank the ship and the murder that happened during that gale. “thin red whisker all round his face, and the sort of complexion that goes with hair of that color; also the particular, rather smeary shade of blue in the eyes. He was not exactly a showy figure; his shoulders were high, his stature but middling—one leg slightly more bandy than the other. … A spiritless tenacity was his main characteristic, I judged.”

Plot: A young captain has just taken over a ship. They are awaiting favorable winds to begin the voyage home to Great Britain. Restless, the captain gives the unorthodox command that all hands will retire and he’ll take the first watch. While on watch, he notices that the rope side ladder had not been pulled in. When he attempts to pull it in, he discovers a human form hanging on it. At first he believes he’s found a corpse, presently he discovers a living man a few years younger than himself. This is Leggat, also a Conway man, and the former first mate of the Sephora–the ship anchored far out in the bay which the captain had recently learned about from his own first mate (who’d gained the intelligence from a tugboat captain). Leggat tells the captain his story: a trying gale when all were at wit’s end; an impudent hand talking back; a scuffle between the two; his hands around the scalawag’s neck; the sea spilling over the top of the ship and smashing out his consciousness; and–per the story’s later related to Leggat–his hands still around the now dead man’s neck when they were found smashed up by the forebitt [a post at the ship’s foremast]; also, during that scene, in Leggat’s version, he took command of the situation and had the main sail shortened, which both he and Captain Archbold claimed saved the ship–however, in Archbold’s narration he gave the decisive orders. The captain and crew consider Leggat a murderer and the captain is intent on bringing him to the law (at one point Leggat had asked the captain to leave his door unlocked so he could swim off to some uncivilized island; the captain refuses). Leggat and the very sympathetic narrator (who shows no sign of doubting Leggat’s version–at least not now when he, a much older man, finally finds the time to relate the tale) see the situation more ambiguously. Leggat mentions more than once that he’s a parson’s son, and he claims to be more appalled at the thought that a judge and jury back in England should be given the power to judge his actions–whose circumstances are so completely foreign to them–, than at the noose they’re likely to decide upon.

The bulk of the narration describes the narrator’s difficulties hiding Leggat from his own crew, and then the captain of the Sephora, and then again his own crew. The crew is suspicious almost immediately, and the captain, also almost immediately, identifies so strongly with the man he’s hiding that he half thinks that he’s now been physically doubled and is leading two lives. In the end, he brings the ship dangerously close to shore in order to give his double the best possible chance to make it to shore (to what the captain believes is the Koh-ring island [must be “Koh-Rong”, off the shore of Cambodia, and so still in the Bay of Thailand]). The ship comes dangerously close to running aground, but thanks to the hat that the captain had given his secret friend, and which the friend had let fall into the sea, the captain is able to understand the ship’s relationship to the current well enough to steer her towards safety. Cheers go up from the crew, and all is well: “Walking to the taffrail, I was in time to make out, on the very edge of a darkness thrown by a towering black mass like the very gateway of Erebus—yes, I was in time to catch an evanescent glimpse of my white hat left behind to mark the spot where the secret sharer of my cabin and of my thoughts, as though he were my second self, had lowered himself into the water to take his punishment: a free man, a proud swimmer striking out for a new destiny.”

Style: Classical: Straightforward, with Lots of physical description and psychological asides.

About the Short Story Game: The idea is to read classic short stories, outline and analyze them, and then write a story response.

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